Erftstadt – Ein bunt zusammengewürfelter
Haufen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen steht am Ende eines
erfolgreichen Heimabends im Kreis und singt mehr schlecht als recht, jedoch
quietschvergnügt, das Abschiedslied. Nach dem „Pfadfinder, Allzeit Bereit!“
sprinten die ersten Jungpfadfinder zu ihren Taschen und wären fast schon zur
Tür hinaus gewesen, bevor die Zurechtweisung eines Gruppenführers auch nur
ansatzweise über die Lippen gekommen wär. Doch gerade noch rechtzeitig hören
sie den Ausruf: „Halt, es gibt noch Anmeldungen!“ und begeben sich zurück in
den Kreis. Unruhig wird nun auf den Zettel gewartet, damit man auch weiß, um
welche Aktion es sich dieses Mal handelt. Ist die Anmeldung in der Hand, wird
sie hastig überflogen und eine riesige Diskussion bricht los, bei der alle
durcheinander reden. Es geht um das verlängerte Pfingstwochenende, an dem es
sich endlich nochmal lohnt wandern zu gehen. Bei manchen kommen fast Tränen der
Verzweiflung hoch, als ihnen einfällt, dass sie an dem besagten Termin keine
Zeit haben. Daneben debattiert eine Jungensippe schon darüber, ob sie besser
einen Gaskocher oder einen Trangia mit auf den 24-Stunden-Hajk nehmen sollte.
Aus einer anderen Ecke hört man die Meutenführung überlegen, ob es nicht auch
mal cool wäre auf dem Lager mit den Kindern in einer Jurte und nicht in den
Weißzelten zu schlafen. In Gespräche vertieft verlässt man voller Vorfreude das
Heim.
| Kohte und Rucksäcke |
Doch
was ist es, das einen immer wieder auf Fahrt und Lager treibt? Woher kommt
diese Sehnsucht?
Ich
selbst – und wohl jeder andere Pfadfinder auch – habe schon Situationen auf
Fahrt durchgemacht, die alles andere als angenehm waren. Es hat bei der mitten
in der Nacht und bei hagelndem Niederschlag einstürzenden Kohte begonnen. Es
folgten heftige Zickereien in der kleinen Sippe, denn mit noch zwei anderen
pubertierenden Mädchen auf einem dreiwöchigen Sommerlager dauerhaft perfekt
auszukommen war dann doch manchmal eine Überforderung. Das Ganze ging über
Wanderwege, die plötzlich aufhörten und in einer nahezu unbegehbaren Schlucht
mitten im Nirgendwo mündeten, und eine Sippenführerschulung, auf die wegen
schlechtem Schlafsack und frostigen Zeltübernachtungen eine Lungenentzündung
folgte. Zu allem Übel endet dieser Kram auch noch nicht bei der manchmal
anstrengenden Verantwortung über eine Sippe oder Meute und den Streitereien und
Konflikten, die man dabei Woche für Woche aushalten und lösen muss.
Dies
alles sind ziemlich gute Gründe, um dann doch lieber sicher Zuhause auf dem
Sofa und am Computer zu bleiben, oder statt in Ungarn, Slovenien oder Polen die
Sommerferien am Strand von Mallorca zu verbringen.
ABER:
Aus dem Kohteneinsturz wurde eine dann doch irgendwie lustige Geschichte, die
man zukünftig erzählen konnte. Es folgte nach jedem Streit eine Versöhnung,
denn den Menschen, die man schon so lange kennt, mit denen man schon so viel
erlebt hatte (siehe Kohteneinsturz!) und die zu den besten Freundinnen gehören,
konnte man nie lange wütend sein. Egal, wie anstrengend und beängstigend der
Abstieg in der Schlucht gewesen war, danach musste man einfach vor
Erleichterung lachen – vor allem als das zersprungene Marmeladenglas im
Rucksackdeckel gefunden wurde, was wohl beim Hinabwerfen der Rucksäcke in die
Schlucht leider gestorben war. Die Sippenführerschulung war trotz Frost und
Krankheit ein ganz eigenes, spannendes und produktives Erlebnis gewesen, auf
dem man furchtbar viele nette Menschen kennengelernt hat. Und zu guter Letzt
entschädigt ein aufrichtiges Kinderlächeln doch alle Mühen.
Es
sind doch all diese ganz individuellen und besonderen Erlebnisse, der
Zusammenhalt und die Unterstützung in der Gruppe, die Möglichkeit des einfachen
Lebens und die damit verbundene Erholung und das Entfliehen des Alltags, das
Lernen sich auch an kleinen Dingen im Leben zu erfreuen, das Bewusstsein über
die Schönheit der Natur, die Freiheit und Leichtigkeit, das Ich-Selbst-Sein,
die Spiele und der Spaß, das Abenteuer, die Spontanität, die Musik und so viele
andere Dinge, die das Pfadfinderleben (nicht nur) auf Fahrt ausmachen. Für
jeden haben all diese Punkte wohl eine ganz eigene Gewichtung und Bedeutung.
Ich
persönlich, freue mich schon auf die nächste Fahrt!
